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10.07.2026 · UX · ca. 2 Min. Lesezeit

Geschmack: der neue Core-Skill

Warum Geschmack in der KI-Ära zur Kernkompetenz für Product Designer wird, weil Ausführung billiger wird und Qualität stärker von Urteilskraft abhängt.

Wenn KI Prototypen, Interfaces und Code fast beliebig schnell erzeugt, verschiebt sich der Wert von blosser Umsetzung zu guten Entscheidungen. Entscheidend wird die Fähigkeit, generische Ergebnisse kritisch zu bewerten, Qualität zu erkennen und eine klare Produktvision zu vertreten.

#KI#UX#Product Design#Generative AI#Human Skills
Bild: Eine Person die an verschiedenen Kaffee-Sorten riecht.

Als Product Designer höre ich oft, dass mein Job durch KI vor dem Aus steht, oder sich mindestens radikal verändern wird. Doch während wir uns fragen, ob wir bald nur noch Prompts schreiben, zeichnet sich im Silicon Valley ein ganz neuer Trend ab: Geschmack wird zur neuen Kernkompetenz.

Das Ende der billigen Ausführung

Früher war die Ausführung—also das Designen von Interfaces, das Entwickeln von Prototypen oder das Schreiben von Code—die grösste Hürde. Heute macht KI diese Ausführung, im Vergleich zu menschlichen Mitarbeitenden, fast kostenlos.

Wenn jedoch jeder alles bauen kann, verschiebt sich der entscheidende Wettbewerbsvorteil weg von der Umsetzung hin zur Wahl dessen, was umgesetzt werden soll.

Paul Graham, Mitgründer von Y Combinator, betont: “Im KI-Zeitalter wird Geschmack noch wichtiger. Wenn jeder alles machen kann, ist das grosse Unterscheidungsmerkmal, auszuwählen was umgesetzt werden soll”.

Was ist eigentlich “Geschmack”?

In diesem Kontext bedeutet Geschmack nicht subjektives Empfinden, sondern das Urteilsvermögen, um zu unterscheiden, was gut ist und was nicht. Garry Tan, CEO von YC, beschreibt es fast technisch: “Agency ist Prompting und Geschmack ist Evaluation”.

Es ist die Fähigkeit, die oft generischen Ergebnisse einer KI kritisch zu prüfen und minderwertige Massenware von gutem Handwerk zu trennen.

OpenAI-Präsident Greg Brockman nannte es kurz und knapp einen “neuen Core-Skill”.

Geschmack ist ein Muskel

Die gute Nachricht für uns Designer: Geschmack ist keine angeborene Gabe, sondern eine lernbare Fähigkeit.

Dylan Field, CEO von Figma, erklärt, dass Geschmack durch einen ständigen Loop entsteht: Dinge erleben, sich fragen “Warum gefällt mir das?”, “Warum ist es richtig?”, “Warum funktioniert es?”, und so ein internes Repertoire aufbauen.

Es geht um eine reproduzierbare Trefferquote bei Design-Entscheidungen, die man durch bewusste Analyse und Erfahrung verfeinert.

Der strategische Vorteil von Geschmack

KIs sind exzellent darin, Muster zu erkennen und ästhetische Urteile zu imitieren. Was ihnen jedoch fehlt, ist die Überzeugung.

Eine KI optimiert auf den Durchschnitt, aber ein Designer mit Geschmack steht hinter einer Entscheidung, die sich vielleicht noch nicht durch Daten beweisen lässt, sich aber richtig anfühlt.

Sam Altman (OpenAI) sieht genau hier die Zukunft: Die besten Teams werden durch Kontext, Geschmack und ein gutes Gespür für die Richtung der Zukunft gebildet.

Deine Vision ist dein Schutzschild

Unsere Rolle als Product Designer verändert sich von Machern hin zu Kurator:innen und Entscheidenden. KI nimmt uns die Fleissarbeit ab, jedoch nicht die Verantwortung für die Qualität.

Wer lernt, exzellenten Geschmack zu kultivieren und diesen systematisch anzuwenden, wird in der KI-Ära nicht ersetzt, sondern unverzichtbar. Es ist Zeit, dass wir aufhören, uns nur über unsere Tools zu definieren, und anfangen, unser Urteilsvermögen als unsere wahre Superkraft zu begreifen.